Schwarzweißmalerei spaltet unsere Gesellschaft

Ich habe in letzter Zeit immer öfter den Eindruck, dass einige Schreibende oder Politiker einzelne Bevölkerungsgruppen und -schichten einseitig und ohne Realitätsbezug kritisieren. Nutznießer dieser Debatten sind allein sie selbst, Leidtragende die gesamte Gesellschaft.

Wer einseitig Hartz-IV-Empfänger als faule Subjekte hinstellt und deshalb einen Arbeitszwang durchsetzen möchte, schadet dem sozialen Frieden in unserer Gesellschaft. Ebenso verhält es sich mit jenen vermeintlich Intellektuellen, die immer wieder auf Migranten herum hacken ohne dabei den Kritisierten Perspektiven aufzuzeigen, wie wir das Leben in Deutschland ein stückweit lebenswerter gestalten können.

Sicherlich gibt es bei Hartz IV Mißbrauchsfälle, ebenso auch Migranten, die auf einem anderen Planeten zu leben scheinen. Diesen muss nicht nur geholfen werden, sondern auch klar aufgezeigt werden, dass derartiges Verhalten für eine demokratische und leistungsorientierte Gesellschaft nicht hinnehmbar ist.

Deutschland braucht eine Kultur des Miteinander

Doch der Ton macht die Musik. Und wer einzelne Negativbeispiele als weit verbreitetes Phänomen darstellt und zur Stimmungsmache mißbraucht, spaltet eher als dass er eint. Wer immer wieder nur verteufelt anstatt konstruktiv das Gespräch zu suchen, kann sich vielleicht als “rechter Intellektueller” oder vermeintlich verantwortungsvoller Politiker profilieren, der Nutzen für die Gesellschaft hingegen geht gegen Null.

Fakt ist doch, dass Bilanzen gefälscht werden, um behaupten zu können, dass die Arbeitslosigkeit zurückgegangen sei oder man pickt im Bereich der Migration/Integration immer nur solche Beispiele heraus, die den Ruf nach einer deutschen Leitkultur lauter werden lassen.

Sicher: es gibt faule Menschen, die sich mit Hartz IV auf Kosten der Steuerzahler und vielleicht auch ein wenig Schwarzarbeit ein “schönes Leben” machen. Sicher: es gibt Migranten, die beispielsweise von Gleichberechtigung der Frau nur entfernt etwas gehört haben.

Doch wo sind all die positiven Beispiele in der öffentlichen Debatte geblieben? Was ist mit den jungen starken Frauen, die selbstbestimmt durch’s Leben schreiten und jungen Mädchen ein Vorbild sind? Warum werden nicht jene erwähnt, die Harzt IV als schwarzen Fleck in ihrer Biographie empfunden und aus eigenem Antrieb wieder in den Arbeitsmarkt finden? Sie werden unter den Teppich gekehrt, weil politisch nicht verwertbar. Neben der Peitsche brauchen wir aber wieder mehr Zuckerbrot!

Anlaß zu diesen Gedanken und Fragen sind exemplarisch folgende Meldungen:

Koch fordert Arbeitspflicht für Hartz-IV-Empfänger (sueddeutsche.de)

Die CDU und die Ausländer (ZDF)

Dieser Beitrag wurde unter Politik abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Antworten auf Schwarzweißmalerei spaltet unsere Gesellschaft

  1. Luke Skywalkr sagt:

    Nazim, ich hätte mal voll Bock mit dir einen Workshop über dieses Thema zu machen! Da können die Leute bestimmt eine Menge voneinander lernen.

    Zu deiner Frage, das kommt auf die Situation an. Mir fällt es schwer, mir eine solche Situation auszumalen. Gerade auch, weil sowas dann wohl öfter in sozialer, als in rassistischer Abgrenzung stattfindet.

    Aber klar, unter bestimmten Bedingungen könnte man sicherlich unterstellen, dass eine bewusste Denunziation hergestellt werden sollte.
    Man sollte aber den Ball flach halten und daran denken, dass es viele andere Denunziationen gibt, die stärker reinhauen.

    Um beim angesprochenen Fall von Rassismus zu sprechen, müsste als Message mitklingen: “Ich denunziere dich, da ich “weiß”, aufgrund meiner genetischen Bedingungen besser und (ganz mytisch ausgedrückt) einer der Ausgewählten zu sein und du nicht.”
    Also das würde ich in aller Schnelle als Mindestanforderung an eine rassistische Aussage bestimmen.

    Demnach sind die Hürden für eine rassistische Beleidigung auch relativ hoch. – Aber was ist Rassismus, wenn es nicht wirklich Rassismus ist?
    Andere Diffamierungen müssen kein bisschen besser sein, sind aber nicht rassistischer Natur.

    Aber Nazim, ich mache mir keine Illusionen… es wird noch etwas dauern, bis diese Erkenntnis überall angekommen ist. Bis dahin werde ich mich über die ein oder andere Debatte amusieren.

  2. Nazim sagt:

    Dann mal eine andere Frage: ist es rassistisch, dass manche Menschen mich immer wieder an die Herkunft meiner Eltern erinnern möchte, obwohl das in den betreffenden Situationen völlig irrelelvant ist?

  3. Luke Akkuloader part II sagt:

    Thema Verantwortung: Ganz generell, mit dem zeitlichen Abstand zu 1945 (!) und bei rückwirkender Betrachtung der Geschichte, sehe ICH für jetzt und die Zukunft keine erwachsene Verantwortung, der ich mich anders, als ein jeder Menschenbürger auf dieser Erde zu stellen habe.

    Wie oben schon beschrieben, die Geschichte bestimmt unser Denken. Sanftmut und Mitgefühl gegenüber den Betroffenen sind eine Voraussetzung für gegenseitiges Verständnis. Zumal sich die Tragödie des Holocausts in Europa abgespielt hat und man sich schon rein situativ damit konfrontiert sieht und sich damit auch auseinandersetzt, nicht nur als Deutscher.

    Aber eines sollte klar sein, das Bekennen zur Schuld aus emotionalen Gründen, aufgrund der kollektiven Psyche einer Nation (usw.) zum damaligen Zeitpunkt und der nur sehr bedingt gerechtfertigten Weitergabe der Schuld (indirekt) an die Kinder dieser Generation ist KEIN TRITTBRETT für irgendwelche Halbstarken, die mit ihrem Leben nicht klar kommen. (Beispiel Radikale Antifa)

    Eine Person, die vom Leben in Deutschland so „deprimiert ist“, dass sie aus Langeweile keine bessere Beschäftigung findet, als sich mit einer Schuldfrage auseinandersetzen, zu der sie schon aufgrund ihres Alters kaum einen Bezug hat, um dann Deutsche jünger als 80 Jahre der Mittäterschaft oder schon der Kollektivschuld zu verdächtigen..… [dieser Person kann ICH auch nicht mehr helfen..]. Aber Menschen mit solchen Problemen gibt es leider, erstaunlicherweise auch an der Uni.

    Dazu will ich sagen, was man eben aus Gründen der Rücksichtnahme und der Vereinfachung, i.e. mit dem Bekennen zur Schuld als Kollektiv-Täter vermieden hat, nämlich die Anerkennung des Umstandes, dass Krieg und Vernichtung ein Problem der Menschen ist und nicht das einer „Rasse“. Aber dahingehend, sind wir immer noch (!!), wie du auch festgestellt hast, etwas empfindlich. Im Ausland höre ich meistens nur: „Oh my, something like that could have happened any place in the world..“- Ja brauchste mir nicht sagen…

    Der Verantwortung, dass ein Genozid im Ausmaß von Armenien/Deutschland/Ruanda sich unter keinen Umständen wiederholden darf, hat in erster Linie nicht irgendeine Nation zu verantworten, die sich ihrer Schuld besonders bewusst ist, sondern jeder mündige Mensch und jede (von ihnen gewählte) Regierung, die sich zu den Menschenrechten bekennt.

    Zur gesellschaftlichen Auseinandersetzung heute: Neben dem Umstand, dass wir in einer Gesellschaft aufgewachsen sind, die es sich zum Glück langsam abgewöhnt, zwei Mal nachzudenken, um nichts politisch falsches zu sagen… denke ich, dass wir einen relativ unbelasteten Umgang zwischen den Menschen verschiedener Milieus, Ethnien, Nationalitäten usw. haben. (was natürlich mein Eindruck und der meiner Erfahrungen ist). In der Öffentlichkeit gibt es Auseinandersetzungen, wenn es um Integration, soziale Ungleichheit usw. geht – und oft ist der Aufschrei groß. Aber das ist ja kein schlechtes Zeichen…

    Vom Vorwurf des Rassismus ist da auch selten die Rede. Ich selbst bekomme dann und wann mit, wenn A dem B Rassismus vorwirft, aber Rassismus ist das in 99% der Fälle nicht. Wie es Ausländern/Immigranten usw. in Deutschland geht, kann ich nicht konkret nachvollziehen, und ob es im Zweifelsfall „nur“ um gefühlte Diskriminierungen oder ebengleiche mit rassistischer Absicht geht. Meine Erfahrungen im Ausland waren auch so, dass ich rückblickend unangenehme Situation in den seltensten Fällen, als „Rassismus“ entlarven konnte. Wenn auch ich in einigen Situationen enorme Benachteiligungen erfahren habe.

    hierauf gibt’s keine Garantie auf Vollständigkeit, aber ich muss jetzt mal Schluss machen.

  4. Luke Akkuloader part I sagt:

    “Was wollte ich jetzt eigentlich sagen? Hm.”
    Ist doch gar nicht so wichtig – ich spinne den Faden mal weiter! ;)

    Zunächst ein Mal distanziere ich mich vom allgemein bekannten Rassismus-Begriff, der, wenn es tatsächlich um Rassimus geht ..(was meiner Meinung nach selten der Fall ist) problematisch ist. Problematisch weil ich behaupte, keine Form des Rassismusses tritt so oft auf, wie die dem Rassismusvorwurf implizite selbst.
    Ich kann das hier aus zeitlichen Gründen nicht, aber zu einer anderen Gelegenheit mal, ausführlicher darstellen.
    Es ist noch ein Thema, dass man passender Weise bei einem Glas Wein besprechen würde, aber auch so ziemlich interessant ist, denke ich.

    Dass Deutschland einerseits eines der Minderheiten-freundlichsten Länder ist (ich kenne keine der größeren Nationen, die uns da den Rang ablaufen würde) und gleichzeitig, jedoch noch in seltenen Fällen, mit einem verbogenen Spiegel durch die Gegend läuft ist ein sozial-gesellschaftlicher Komplex, den man hier in ein, zwei Sätzen nicht auflösen kann.

    Es ist ein Komplex, der lange genug durch die Medien und insb. die Gesellschaft selbst bedient wurde und langsam aus dem Kopf der Leute verschwindet. Dieser hat leider nicht nur das Denken der bald gänzlich ausgestorbenen Täter des Nazi-Regimes von damals, sondern auch das jüngerer Generationen, auch noch unserer Generation geprägt!

    Das macht einen freiheitsliebenden Menschen wütend auf der einen Seite, aber man akzeptiert aufgrund der Geschichte und des Verständnisses für die Opfer des zweiten Weltkrieges, dass das Denken der Menschen zuwenigst Mal davon geprägt ist. – Auch zum Zweck von Schuld uns Sühne, um das Geschehene als Unfassbares fassbar zu machen, hier mithilfe des vereinfachenden Konstrukts von „Gut“ und „Böse“, indem man sich aber auch Jahrzehnte später seiner Verantwortung als Täter oder als „Täternation“ bewusst ist, ohne das zu polemisieren.

    Das ist zum (moralischen) Recht (insb.) der Juden einerseits (auch ist das eigene Zurücknehmen ein Zeichen der Nachsicht, insb. aus Sicht der jüngeren Generationen), aber auch zum Unrecht der immer klüger werdenden jungen Deutschen, die zu Recht mit Begriffen wie Gut und Böse wenig anfangen können. Die können auch nicht verstehen, warum Deutsche als Nation, als das Volk und implizit als von anderen Gruppen abgegrenzte „Rasse“ für Böse gehalten werden. – Da können Leute aus meinem Alter noch von ihren Erfahrungen sprechen, wenn sie als Kind Urlaub z.B. in den Niederlanden gemacht haben.

    Oi, das wird lang… Ich muss mich jetzt so kurz wir möglich halten und versuche klar zu formulieren..

  5. Nazim sagt:

    @Luke Akkuloader
    “Man hat wirklich das Gefühl, dass RK in seinem Bekanntenkreis oder auch sonst niemanden kennt, der von Hartz IV betroffen ist.”

    Ja, die Vermutung liegt nahe!

    “…auf ein Video mit einer leichtsinnigen Message als Überschrift:
    „Typisch Deutsch: Rassismus“. Als Slogan ist das, der Ironie zu Liebe, größerer BULLSHIT (oder „Rassismus“), als das, was der Beitrag zu kritisieren versucht.”

    Das ist mir gar nicht aufgefallen. Peinlich! Das kann ich in der Form, insbesondere es sei typisch, in der Form nicht teilen.
    Meine Meinung dazu: sicherlich gibt es in der bundesdeutschen Gesellschaft einen latenten Rassismus. Dieses Phänomen ist aber keinesfalls exklusiv/typisch deutsch, sondern trifft bestimmt auf viele bis alle Gesellschaften und Kulturkreise der Welt zu. Die Unterschiede liegen wohl im Grad der Intensität.

    Mir kam eben die Frage auf, warum sind wir (und damit auch ich!) im demokratischen Deutschland des 21. Jahrhundert so empfindlich, wenn es um Rassismus geht? Vielleicht weil Deutschland aufgrund seiner Geschichte eine ganz besondere Bedeutung zukommt. Die Nazi-Greueltaten, insbesondere der Mord an 6 Millionen Menschen, wirken auch heute noch nach und lassen keine Diskussion zu, in der deutscher Rassismus dem anderer Nationen gleich gestellt werden kann.

    Dies könnte man jetzt als Nachteil empfinden, weil man gewisse Schwierigkeiten hat, sich mit der Schuld der Vorfahren zu identifizieren und die daraus erwachsende Verantwortung schwer auf den Schultern lastet. Doch ich sehe hierin den großen Vorteil, dass heute auftretender Rassismus auf dem Wege der Auseinandersetzung mit der Enstehung des NS-Regimes bereits im Ansatz entlarvt und (hoffentlich) erstickt werden kann. Hierin einen großen Vorteil der deutschen Geschichte, die ja nicht immer so schrecklich war, zu sehen und auf Grundlage dessen gestärkt für ein Mehr an Demokratie zu streiten ist sicher nicht einfach, aber wichtig.

    Was wollte ich jetzt eigentlich sagen? Hm.

  6. Luke Akkuloader sagt:

    Den Artikel finde interessant und nützlich! Eine wichtige Kritik an der politischen Rhetorik gegenüber der Öffentlichkeit bringst du auf den Punkt.

    Gerade was die Äußerungen von Roland Koch angeht, ist eine Auseinandersetzung über die gesellschaftliche Verantwortung von Politikern vollkommen angebracht. Was und wie er das neulich gesagt hat, ist schlicht abgefahren und abgehoben. Man hat wirklich das Gefühl, dass RK in seinem Bekanntenkreis oder auch sonst niemanden kennt, der von Hartz IV betroffen ist.

    Ich stimme dir vollkommen zu: Die wahren Helden des Alltags werden viel zu wenig gewürdigt (wie stellt man das an?). Und huuuuch… in manchen Lebenssituationen spielt das gute „Prinzip Leistung“ überhaupt keine Rolle mehr! Eben bei den alleinerziehenden Müttern zum Beispiel.

    Die Erziehung von Kindern (insb. mehreren) MUSS als Fulltime-Job angesehen und gegebenenfalls bezahlt werden, auch später für die Rente.
    Hier sollte sich meiner Meinung nach die SPD mal konkret Gedanken machen. – nur von der hört man momentan nicht so viel, was gesellschaftliche Themen angeht. Überhaupt hört man nicht viel von ihr…

  7. Luke Akkuloader sagt:

    Zuerst, was mir nicht gefällt: Der zweite Link verweist auf ein Video mit einer leichtsinnigen Message als Überschrift:
    „Typisch Deutsch: Rassismus“. Als Slogan ist das, der Ironie zu Liebe, größerer BULLSHIT (oder „Rassismus“), als das, was der Beitrag zu kritisieren versucht.

    Dazu: Generell, von deuschen/m/r/ „Xyzabc“ (insb. Negativ-Eigenschaften) zu reden, ohne diese in Verhältnis zu einer möglichen Ursache zu setzen (sie indirekt als verwurzelt darzustellen) ist doch namentlich Rassismus, wie er im Buch steht.
    …aber ich weiß nicht: „Rassismus“ als Begriff zu Erklärung bestimmter Verhaltensweisen oder Phänomene zu verwenden? Meiner Meinung nach vollkommen kontraproduktiv und unlogisch, aber eben gefühlsbeladen und stark vereinfachend.

    Darüber kann man hoffentlich noch ein anderes Mal diskutieren. Das Thema ist komplex und die Logik dabei nicht für jedermann sofort verständlich.

    Das war mein Einwand, mit kleinem Exkurs…

  8. Gheed sagt:

    Das Problem ist, dass es ja keine Schlagzeilen macht die Leute zu zeigen, denen vom Arbeitsamt geholfen wurde, oder die super integrierten Migranten mit akademischer Ausbildung. Wenn dann wird sowas immer nur im Vergleich zu den extrembeispielen gebracht.

    Wenn es einfache Lösungen für die Probleme unserer Gesellschaft gäbe, dann hätte man schon längst was getan. Stammtischargumentation wie von Hr. Koch kommmt bei vielen vielleicht gut an, bringt uns aber keine Lösungen…

    Man kann sich darüber aufregen oder es besser machen. Das versuche ich zumindest. Wenn ich mal wieder in so eine Stammtischdiskussion komme halte ich den Leuten den Spiegel vor. Wie leben sie denn selber, was würden Sie in der Situation tun? Das hilft oftmals schon jemanden zum nachdenken anzuregen.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>